Erinnerung an Andreas Höschele

Es ist verständlich, dass man vor dem Sterben Angst hat, schließlich kann der Sterbevorgang sehr schlimm verlaufen. Es ist allerdings fraglich, ob man vor dem Tod selbst Angst haben muss. Wir erleben ja täglich überall, was man mit Menschen anstellen kann, die Angst vor dem Tode haben. Wie sie manipuliert und gegängelt werden, wie sie sich sogar zum Teil nicht gezwungenermaßen zu entwürdigenden Handlungen hinreißen lassen.

Mein Freund Andreas hatte offensichtlich vor dem Tod keine Angst, oder zumindest keine bedeutend große Angst, sonst hätte er sich sicher nicht so würdevoll verhalten, und er hätte mir auch sicherlich nie einen Gedankengang erzählt, der nur jemandem einfallen kann, der mit dem Thema Tod souverän umgehen kann.

Wir lernten uns auf den Kundgebungen kennen, und ich meinte, einen Gastwirt kann man nur kennenlernen, wenn man sein Gast ist. Insofern besuchte ich ihn gelegentlich, wurde aber eines besseren belehrt, denn Andreas kam uns gerne besuchen. Dort kamen wir besser, und auch ungestörter zum reden. Es wurde nicht nur dieses allgegenwärtige Thema besprochen; Andreas erzählte viel aus seiner Biographie. Und er erzählte seine Gedanken, die ihm beim Hühnerversorgen so eingefallen sind. Diese Geschichte hatte mich so beeindruckt, dass ich ihn bei unserer letzten Kundgebung darum bat, sie doch auf der nächsten Kundgebung zu erzählen. Dazu konnte es dann ja nicht mehr gekommen. Somit versuche ich hier meine Erinnerung an Andreas` Erzählung aufzuschreiben:

Die Hühner leben ursprünglich im Wald. Für diese Umgebung sind sie wie geschaffen, dort gehören sie hin. Dort „nimmt es“ schon manchmal eines, aber das gehört auch zum Leben eines Huhnes in seiner natürlichen Umgebung dazu. In der Hühnerhaltung darf aber kein Tier verenden, sie müssen schließlich Profit bringen. Deswegen müssen die Hühner prophylaktisch behandelt werden, mit Antibiotikum, Impfungen und was man denen noch so antun kann. Dann “nimmt’s“ normalerweise keines. Sie sind dann allerdings irgendwann nicht mehr überlebensfähig, wenn man sie sich selbst überlassen würde. Irgendwann brauchen sie dann dieses Zeug zum Überleben.

…  Am Ende schloss Andreas ungefähr mit den Worten: Meine Hühner bekommen gar nichts davon, auch wenns mal eines „nimmt“.

Matthias Kräutle.